Donnerstag, 9. Juli 2026
Als wir am Morgen den Vorhang zur Seite ziehen, begrüsst uns Amsterdam im strahlenden Sonnenschein. Nach dem eher grauen Vortag ist das Motivation genug, um ohne grösseres Verhandeln mit dem inneren Schweinehund aus den Federn zu kommen und die Stadt der Grachten und Brücken zu erkunden.
Doch zuerst braucht es eine solide Grundlage. Deshalb kehren wir im Pancake Amsterdam ein und gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück. Wobei der Begriff Pancake hier durchaus Interpretationsspielraum lässt. Die Amsterdamer Variante erinnert stellenweise eher an ein Omelett auf Freizeitreise. Das spielt allerdings keine Rolle, denn sowohl die herzhafte Version mit Spinat und Ei als auch die süsse Ausführung mit Apfel, Zimt und Rosinen schmecken ausgezeichnet.

Gestärkt machen wir uns auf den Weg durch den berühmten Grachtengürtel. Wir spazieren von der Prinsengracht zur Keizersgracht, weiter zur Herengracht, dann zur Reguliersgracht und schliesslich bis zum Dam. Unterwegs überqueren wir unzählige Brücken und bewundern die charakteristischen Häuserfassaden.
Und davon gibt es reichlich. Schliesslich werden die rund 50 Kilometer Grachten von nicht weniger als 1.281 Brücken überspannt. Ebenso faszinierend wie die Kanäle sind die Giebel der Häuser. Ursprünglich begnügte man sich mit einfachen Spitzgiebeln. Doch offenbar gilt auch hier: Mit wachsendem Wohlstand wächst der Wunsch nach Dekoration. Im Laufe der Jahrhunderte kamen Ornamente, Schriftrollen, Verzierungen und Wappen hinzu. Wer genau hinschaut, kann nicht nur Rückschlüsse auf den Reichtum der damaligen Eigentümer ziehen, sondern auch auf die Epoche, in der das Haus entstanden ist. Sozusagen Architektur als historischer Lifestyle-Indikator.

Zwischendurch lassen wir uns immer wieder in einem der zahlreichen Cafés nieder und beobachten das bunte Treiben auf den Strassen. Menschenbeobachtung gehört schliesslich zu den grossen kostenlosen Attraktionen jeder Stadt. Manche Begegnungen sind derart unterhaltsam, dass man sich unweigerlich fragt, welche Geschichten wohl andere Menschen über uns erzählen würden. Aber ich schweife ab.
Irgendwann erreichen wir den Amsterdam Centraal. Das imposante Gebäude wirkt eher wie ein Palast oder ein Regierungsgebäude als ein Bahnhof. Dass sich hinter dieser prächtigen Fassade tatsächlich Züge verbergen, würde man auf den ersten Blick kaum vermuten.

Für den Abend stehen Tickets für eine Sonnenuntergangsfahrt durch die Grachten auf dem Programm. Bevor wir jedoch an Bord gehen, stärken wir uns im mexikanischen Restaurant El Vino. Sowohl die Fajita als auch die Chimichanga überzeugen und sorgen dafür, dass wir bestens gelaunt Richtung Anleger spazieren.
Die Grachtenfahrt entwickelt sich schnell zum Kontrastprogramm zu unserer morgendlichen Tour in Utrecht. Offenbar möchten deutlich mehr Menschen Amsterdam vom Wasser aus erleben, denn für die letzte Fahrt des Tages werden gleich zwei Boote eingesetzt. Dadurch legen wir sogar eine Viertelstunde früher ab als geplant.

Das inbegriffene Getränk wird von den Passagieren mit sichtbarer Begeisterung genutzt. Nachdem alle versorgt sind, stechen wir – soweit man das auf einer Gracht sagen kann – in See.
Unser Bootsmann wirkt dabei deutlich ausgeschlafener als sein Kollege in Utrecht. Vielleicht ist das Amsterdamer Nachtleben doch verträglicher. Jedenfalls versorgt er uns während der Fahrt mit allerlei interessanten Geschichten. So erfahren wir beispielsweise, dass in Amsterdam gelegentlich auch Autos im Wasser „parkiert“ werden.
Die Ursachen dafür sind vielfältig. Manchmal handelt es sich schlicht um menschliches Unvermögen. Manchmal treffen moderne Technik und jahrhundertealte Grachten auf etwas unglückliche Weise aufeinander. So hatten gewisse Navigationssysteme in den Anfangsjahren offenbar Schwierigkeiten mit Kanälen ohne klassische Absperrungen. Und ehe man sich versieht, wird aus einem gewöhnlichen Auto ein unfreiwilliges Amphibienfahrzeug.

Nach etwa einer Stunde legen wir wieder an. Die Fahrt durch die abendlichen Grachten gehört zweifellos zu den schönsten Erlebnissen des Tages. Das Licht, die Häuser, die Stimmung – alles passt perfekt.
Nun ja, fast alles.
Hätten wir zum Abschluss nicht noch die falsche Tram erwischt, wäre es tatsächlich ein perfekter Tag gewesen. Aber irgendeine kleine Pointe braucht schliesslich jeder gute Reisetag. 😉🚋🌅🇳🇱


