Donnerstag, 2. Juli 2026
Nach dem sonnendurchfluteten Tag gestern hat Ameland heute Morgen beschlossen, uns die Nordsee‑Version „Realismus pur“ zu präsentieren. Über Nacht sind Wolken aufgezogen, der Wind bläst uns die Frisur in geometrische Formen, die selbst moderne Architektur neidisch machen würden. Wir packen unsere Sachen, verabschieden uns vom hübschen Van Heeckeren Hotel und steigen – ganz korrekt – ins Auto, nicht aufs Fahrrad. Der Wind hätte uns sonst vermutlich rückwärts zur Rezeption zurückgeschoben.
An der Fähre heisst es erst einmal warten, denn sie legt etwas verspätet ab. Dafür scheint sie Rückenwind zu haben: Die 50 Minuten Überfahrt sind schneller vorbei als jeder Versuch, den Nordseewind zu ignorieren.

Und dann? Festland‑Apokalypse.
Regen, Wind, horizontale Regentropfen, alles gleichzeitig. Das Wetter wirkt, als hätte es beschlossen, heute eine Performance zu liefern.
Nützt ja nichts. Wir fahren zurück nach Harlingen, stellen das Auto ins Parkhaus und wechseln auf die Schnellfähre. 45 Minuten später – ein Tempo, das fast schon unhöflich schnell ist – stehen wir auf Terschelling. Und siehe da: Das Wetter ist… freundlich. Also nordsee‑freundlich. Kein Regen, weniger Wolken, und die Sonne kämpft sich tapfer durch die Böen. Sie kämpft übrigens genauso wie wir auf dem Weg zum Hotel.

Die Fussgängerzone von West Terschelling ist so hübsch, dass wir vor lauter Begeisterung am Hotel vorbeilaufen. Klassisch. Nach dem Einchecken im Oepkes Hotel bummeln wir durch das betriebsame Städtchen, das wirkt, als hätte es sich extra für uns herausgeputzt.
Dann holen wir die Velos ab und drehen eine kleine Proberunde. „Proberunde“ klingt gemütlich – tatsächlich ist es ein Kampf gegen den Wind, der uns sehr klar zeigt, wer hier der Boss ist.

Leuchtturm Brandaris
Auf dem Rückweg zum Hotel kämpfen wir uns durch den Wind, der uns inzwischen duzt und sehr klare Vorstellungen davon hat, wo wir langzufahren haben. Und dann hören wir es: ein Stimmengewirr, das klingt wie eine Mischung aus „Feierabend“ und „Hier ist das wahre Leben“.
Café Lieman. Von aussen wirkt es wie ein harmloses Café. Von innen entpuppt es sich als Pub, der offenbar die gesamte Inselbevölkerung magisch anzieht. Einheimische, holländische Touristen, Menschen, die aussehen, als würden sie seit 20 Jahren denselben Barhocker besitzen – alle sind da. Und mittendrin wir: zwei Schweizer, die sofort auffallen wie zwei Fonduegabeln im Fischrestaurant.
Kaum sitzen wir, sind wir schon im Gespräch. Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Wer Café Lieman betritt, wird automatisch sozialisiert. Bier fliesst, Geschichten werden ausgetauscht, und wir merken schnell, dass dies einer dieser Orte ist, an denen man eigentlich viel länger bleiben müsste, als man geplant hat.
Wären wir nicht hungrig gewesen, hätte der Abend vermutlich geendet wie ein nordsee‑typischer Inselroman: spät, laut und mit mindestens einer neuen Freundschaft. Aber der Magen ruft, und so verabschieden wir uns aus dem Stimmenmeer, das uns noch lange nachhallt.
Im Restaurant Storm gibt es deftige Küche – perfekt nach einem Bier, das vielleicht ein bisschen enthusiastischer war als geplant.
Am Ende fallen wir müde in die Betten. Der Wind draußen feiert vermutlich immer noch weiter.


